Freitag, 23. Dezember 2016

adlerkuss im Advent: adlerkuss' liebste Weihnachtsmusi (20)

Am Montag Abend wollte ich gerade beginnen, launige Zeilen für den zweiten diesjährigen und insgesamt schon 20. Teil von adlerkuss' liebster Weihnachtsmusi zu verfassen, als ich davon hörte, dass in Berlin weihnachtsfreudige Menschen auf einem Markt aus dem Leben gerissen worden waren - wie wir inzwischen wissen von einem ideologisch verblendeten hasserfüllten Mörder. Ich war an jenem Abend und den darauffolgenden Tagen  nicht in der Lage, hier die glöckchenklingende Weihnachtsharmonie zu beschwören. Mit einigen Tagen Abstand jedoch kann nichts anderes die Antwort sein als noch mehr Freiheit, Offenheit, Furchtlosigkeit, Liebe und Weihnachtssongs - und zwar jetzt erst recht.

Den "Jetzt erst recht" - Gedanken beschwören The Heathen and the Holy nach dem bereits vor Montag mit Brexitrump etc. eher schwierigen 2016 mit der trotzigen Zeile "it's been a year, a year to forget, let's have ourselves the best Christmas yet". Ein gospelinfiziertes, anrührendes, großartiges Vergnügen und genau der Song, den wir jetzt gebraucht haben.



Ich bin ja wirklich nicht gut mit Farben, aber dass Schneeflocken lila sein sollen, überrascht mich dann doch. Nicht so jedoch Motown-Legende Marvin Gaye, dessen wunderbarer Winter-Liebessong "Purple Snowflakes" von 1964 sexy, verträumt, glöckchensoulig und sträflicherweise nie im Radio zu hören ist.



Die meistverkaufte Single aller Zeiten ist das Weihnachtslied über den Traum einer weißen Weihnacht, das Irving Berlin im Jahr 1940 zu Papier gebracht hatte. Neben der "Originalversion" von Bing Crosby versuchten sich außer hunderten anderen auch  Elvis Presley, die Beach Boys, Bob Marley, Destiny's Child und sehr empfehlenswert auch Iggy Pop an der Nummer. Dieses Jahr erschien nun im wunderbaren und jedem Vinyl-Liebhaber, der sich hierher verirrt unbedingt ans Herz zu legenden Snowflakes Christmas Singles Club eine Version der amerikanischen Sängerin Hannah Epperson. So düster-melancholisch, unkitschig und wunderschön dürfte man den Song kaum einmal gehört haben. Außer vielleicht von Iggy Pop. 


Fürs Weihnachtsgeschäft 1955 wurde aus "Mr. Sandman", dem Superhit des Vorjahres, ganz schnell "Mr. Santa". Trotz dieses eiskalten Kalküls ist Dorothy Collins schmissige Ode an Santa ein Klassiker, der die Herzen zu Erwärmen versteht.



Selbst wenn der Wham!sche Evergreen dem einen oder anderen Musikfreund schon seit vielen vielen Weihnachtsfesten aus dem rotbemützten Halse hängt: Aus lieb gewordener Tradition führt auch in diesem Jahr bei adlerkuss liebster Weihnachtsmusi kein Weg an George Michaels ewiger Reminiszenz an die Liebschaft der vergangenen Weihnacht vorbei, selbst wenn es zunehmend schwer fällt, wirklich gute Versionen zu finden)  Denn auch ganze 32 Jahre nach Erstveröffentlichung bleibt "Last Christmas" mit seiner titelgebenden Zeitlosigkeit, seinem hohen lyrischen Identifikationspotenzial, seinem gnadenlosen Uhrwurmfaktor und seiner rituellen Kultigkeit à la "Dinner For One" der beliebteste moderne Weihnachtssong überhaupt. Natürlich ist der Klassiker von Wham! auch diesen Dezember mal wieder in den deutschen Charts eingestiegen und hatte es dabei bis auf Platz 14 geschafft. Hier hören wir jedoch die fantastische Variante der schwedischen Countryband Line Dance Fever:



Noch einmal eine ganz andere Kategorie von Klassiker ist jedoch natürlich "Stille Nacht, heilige Nacht" von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr, das am Heiligabend 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführt wurde. "Stille Nacht" gilt als das bekannteste Weihnachtslied überhaupt und wurde im Laufe der letzten fast 200 Jahren nicht nur von üblichen Verdächtigen wie u.a. Elvis PresleyBing Crosby, den Roten Rosen oder John Denver mit den Muppets gesungen, sondern auch und vor allem von Millionen unterm Weihnachtsbaum versammelten Familien auf der ganzen Welt. Beschließen möchte ich adlerkuss' liebste Weihnachtsmusi mit "Silent Night" in der fantastisch schönlärmig hymnischen Prog-Rock-Version des kalifornischen Duos Magnuson. Frohe Weihnachten!







Montag, 12. Dezember 2016

adlerkuss im Advent: adlerkuss' liebste Weihnachtsmusi (19)

Oh höret ihr Leser, oh höret doch all! Die wunderbare, oh du fröhliche Weihnachtszeit ist schon im vollen Gange, der Schnee rieselt nur in Gedanken leise und welch ein Jubel, welch ein Trubel wird in unserem Hause sein! Fehlt zur vollendeten Festivität nur noch der alljährliche bunte Strauß weihnachtlicher Melodien bei adlerkuss. Per Klick hier könnt ihr auch noch die Geister der vergangenen Weihnachtsmusis beschwören und nochmal nachhören.



Beginnen wollen wir den heurigen Liederreigen mit einer herrlichen instrumentalen Variante des Klassikers "Sleigh Ride" von Leroy Anderson, der anno 1949 erstmals aufgenommen worden war. Hier bei adlerkuss feierte ich vor sechs Jahren die wunderbare Version der Ronettes von Phil Spectors legendärem Weihnachtsalbum. Das Soul-Funk-Jazz-Kollektiv The Soulful Strings hat die Schlittenfahrt 1968 auf ihrem vierten Album "The Magic of Christmas" in ein zeitlos groovendes Juwel verwandelt, bei dem neben den Strings auch Gitarre und Flöte glänzen.




Nach einem altbekannten Song haben wir als nächstes eine wunderbare Sängerin, die hier bei adlerkuss' schönster Weihnachtsmusi vor zwei Jahren mit dem Song "Christmas Time" bereits vertreten war. Diesmal hat Piney Gir zur kostenlos herunterladbaren Indie-Christmas-Compilation XO for the Holidays VOL IX die Perry-Como-Coverversion "Love Is a Christmas Rose" beigesteuert, in der musikalisch zuckersüß aber textlich etwas seltsam die weihnachtliche Botanik mit Gefühlen verglichen wird: "Friendship is a holly tree / but love is a Christmas rose."




Nachdem Billy Hylands größter Hit Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini 1960 im Sommer angesiedelt gewesen war, wandte sich Billy 1967 der kälteren Jahreszeit zu und zeichnet mit dem folkpoppigen "It's Christmas Time Once Again" ein augenzwinkerndes, wenn nicht gar zynisches und konsumkritisches Bild von Weihnachten.




"This time of the year, the people might be at their best, I keep hoping it will last and we can make it right" - wenn einem da nicht das Herz aufgehen muss... Die Gasoline Brothers aus dem niederländischen Utrecht spielen Collegerock mit Beach-Boys-Einschlag und veröffentlichten letztes Jahr die wunderbare ebenso warmherzige wie schönlärmige Weihnachtshyme "Every Time It's Christmas". "




Der begnadete Soulmusiker Donny Hathaway, den Justin Timberlake einmal als größten Sänger aller Zeiten bezeichnete, nahm im Jahr 1970 den Song "This Christmas" auf, der zunächst keine Wellen in der Weihnachtssingleflut schlug, inzwischen jedoch zu den absoluten Klassikern des amerikanisches Weihnachtsliedkanons gehört. Und das zurecht! Angefangen mit dem ungeheuer groovenden Hörnern über Hathaways fantastische Stimme bis hin zum Weihnachten und die Liebe zelebrierenden Text ist "This Christmas" ein nahezu perfektes Stück Musik.




2015 holten die Makemakes für Österreich ganze null Punkte beim Eurovision Song Contest für Österreich. Das wäre nicht passiert, wenn in der Vorentscheidung die beste Kandidatin ZOË triumphiert hätte. Dieses Jahr hat die junge frankophile Wienerin nicht nur den Auftritt beim ESC mit dem 13. Platz nachgeholt, sondern beglückt uns auch ganz aktuell mit der herrlich gefühligen Weihnachtssingle "La nuit des merveilles".







Samstag, 14. Mai 2016

Eurovision Song Contest 2016: Das traditionelle Trinkspiel und der Stimmzettel für die Sofa-Jury

Heute Abend ist es wieder so weit, in Stockholm findet der 61. Eurovision Song Contest  (früher im deutschen Sprachraum oftmals frankophiler als Grand Prix Eurovision de la Chanson bekannt) statt – eines der größten Showspektakel der Welt, das alljährlich höchst interessante Einblicke in die Befindlichkeiten und Geschmäcker unseres vielfältigen Kontinents bietet.

Auch dieses Jahr bietet adlerkuss natürlich wieder über Mediafire zum direkten Download sowohl eine Wertungstafel für die Stimmabgabe der heimischen Sofa-Jury als auch das beliebte , feuchtfröhliche adlerkuss-ESC-Trinkspiel fürs heimische Sofa. 6019 Trunkenbolde, die das Trinkspiel in den letzten fünf Jahren bereits runtergeladen haben, können ja nicht irren!

Und für die Wartezeit bis es endlich losgeht eignet sich natürlich die urkomische Eurosong-Episode der irischen Sitcom Father Ted  sowie eine durchaus spannende Analyse der erfolgreichsten Tempi bei Eurovision Songs, die unter anderem Aufschluss darüber gibt, dass und warum man 128 beats per minute vermeiden sollte, falls man den Wettbewerb gewinnen möchte. 

Zur Einstimmung hier noch der wohl schönste Moment des zweiten Halbfinals vom vergangenen Donnerstag, der definitiv 12 Punkte wert gewesen wäre: Das Moderationsduo Petra Mede und Måns Zellmerlöw zauberte uns eine im Stile eines Oscar-Openings feinst choreographierte Gesangs- und Tanznummer mit zudem spritzigem Text. Herrlich!

Top 10 der besten Lieder beim Eurovision Song Contest: Die 60er Jahre (Platz 5-1)


5. Isabelle Aubret: La Source

Die sanfte Eleganz mit der die ganz in babyblau gewandete Isabelle Aubret beim Eurovision Song Contest 1968 ihren melodiösen Chanson "La Source" vortrug steht im krassen Spannungsverhältnis zum mehr als ernsten Text, der zwar poetisch verschleiernd aber dennoch eindeutig eine Gruppenvergewaltigung beschreibt. Umso beachtlicher, dass es beim doch meist eher die leichte Muse fordernden und fördernden ESC an dieser Stelle immerhin zu Platz 3 gereicht hat, bezeichnenderweise hinter einem spanischen Siegerlied namens La, La, La.




4. Gigliola Cinquetti: Non Ho L'Èta

Die Italienerin Gigliola Cinquetti war gerade süße 16 als sie beim Eurovision Song Contest 1964 auf der Bühne stand und ihren zur unschuldigen Ausstrahlung passend betitelten Song "Non Ho L'Èta" (Ich bin nicht alt genug) vortrug. Nach einem bombastisch schmetternden instrumentalen Intro überrascht der Song mit Cinquettis in der Strophe fast gehauchtem und nur von an Angelo Badalamentis Soundtrack zu Twin Peaks erinnernden, düsteren Basstönen akzentuiertem, glockenklaren Gesang.  Im Refrain kehren die triumphalen Klavierakkorde zurück und der Song schraubt sich in emotionale bis kitschige Höhen. Herrlich.




3. Conny Froboess: Zwei kleine Italiener

Der wohl erste musikalische Beitrag zur Thematik der sogenannten Gastarbeiter wurde zu einem der größten und populärsten deutschen Schlager überhaupt. Interpretin Conny Froboess hatte bereits als Achtjährige mit "Pack die Badehose ein" einen großen Hit gelandet, der nun, beim Eurovision Song Contest 1962, noch übertroffen werden sollte. Die zeitlos gute Mischung aus schmissiger Strophe und schmachtend romantischem Refrain in dem die "kleinen Italiener" ihre Sehnsucht nach ihren Herzdamen Tina und Marina ausdrücken, wurde selten wieder so perfekt angerührt wie hier. Ein goldener Ohrwurm.




2. France Gall: Poupée de cire, poupée de son

1965 vertrat die erst siebzehnjährige Französin France Gall, die in ihrer Heimat bereits als Kinderstar Erfolge gefeiert hatte, das kleine Ländchen Luxemburg beim Eurovision Song Contest in Neapel. Verfasst wurde "Poupée de cire, poupée de son" von dem bis dahin noch weitgehend unbekannten Serge Gainsbourg. Rasant galoppiert der Song im damals angesagten und heute zeitlosen Beat durch seine nur gut zwei Minuten Laufzeit und wurde sowohl dank des zeitgenössischen Klangs und seine eingängige Melodie, als auch dank France Galls jugendlich-naiven Charmes die erste Nicht-Ballade, die je den Sieg beim Eurovision Song Contest erreichen konnte. Nur zwei Jahre später holte mit Sandie Shaws "Puppet on a String" (Platz 7 in dieser Liste) in weiterer Song den Titel, in dessen Text sich die Ich-Erzählerin als Puppe stilisiert. Was sagt das nur über Europas Psyche?



1. Udo Jürgens: Merci, Chérie

Der als Udo Jürgen Bockelmann geborene österreichische Songwriter und Sänger Udo Jürgens hatte bereits einen Welthit für Shirley Bassey geschrieben, als er 1964 und 1965 sein Land beim Eurovision Song Contest vertrat und die respektablen Plätze 6 und 4 erreichte. Das Sprichwort "Aller guten Dinge sind drei" kennt man auch in Kärnten und so war Jürgens 1966 beim Wettbewerb in Luxemburg wieder dabei und errang diesmal tatsächlich den bis um Auftreten der bärtigen Dame im Jahr 2014 einzigen Sieg für Österreich. Seine anrührende Chanson-Ballade "Merci Chérie" beschreibt, wie der Sänger sich bei seiner Expartnerin bedankt, sowie sie bittet, positiv in die Zukunft zu blicken und mündet – von anschwellendem Orchesterklang und wildem Geklimper getragen – in den sehr wahren Refrainzeilen "Schau nach vorn, nie zurück, zwingen kann man kein Glück...." Hach...

Donnerstag, 12. Mai 2016

Top 10 der besten Lieder beim Eurovision Song Contest: Die 60er Jahre (Platz 10-6)

Im Vorjahr blickte adlerkuss auf die ganz frühen Jahre des Eurovision Song Contests in den 50er Jahren zurück, nun ist das nächste Jahrzehnt an der Reihe. In den schwingenden 60er Jahren wandelte sich der Sound beim Eurovision Song Contest vom eher hüftsteifen Chanson zu poppigeren Klängen und überdies hielt 1968 auch die Farbe bei den Fernsehübertragungen Einzug. Nach Betrachtung aller zehn Wettbewerbe des Jahrzehnts in den letzten Wochen hier Platz 10 bis 6 der gnadenlos subjektiven Top 10 der besten Lieder beim Eurovision Song Contest in den 1960er Jahren.




10. Bryan Johnson: Looking High High High

Als allererster Interpret des neuen Jahrzehnts ging Bryan Johnson mit Startnummer 1 beim ESC 1960 (unter anderem trat hier auch ein gewisser Rudi Carrell für die Niederlande auf) ins Rennen. Der Songtitel der schmissigen Nummer "Looking High High High" könnte auch eine Kifferhymne von Afroman sein, bezieht sich hier aber auf die Orte (zu denen auch "low, low, low" gehört), an denen der arme Bryan suchen würde, wenn seine Geliebte verschwinden würde.




9. Emilio Pericoli: Uno per tutte

1963 croonte sich Emilio Pericoli mit einer swingenden Liebesballade auf Platz 3 beim ESC in London. Der Sprecher im Song entpuppt sich dabei als frühes Vorbild für Lou Begas Mambo Nr. 5, denn auch hier wird gleich mehreren Damen (genauer gesagt Claudia, Nadia, Julia und Laura, von denen wir der Inszenierung sei Dank auch jeweils ein Foto zu sehen kriegen) die Liebe gestanden. Dieser Schlingel!



8. The Allisons: Are You Sure?

Die Allisons waren eine Art britische Antwort auf die Everly Brothers, ohne allerdings im echten Leben Brüder zu sein. Dies tut dem feinen Harmoniegesang bei ihrem Auftritt beim ESC von 1961 in Cannes jedoch keinerlei Abbruch. Die musikalische Nachfrage, ob die Geliebte sich denn wirklich trennen wolle, wurde auch zum einzigen Hitparadenerfolg der Allisons.




7. Sandie Shaw: Puppet On a String

Der an klassische Cabaret-Nummern erinnernde, groovende Siegertitel beim Wiener ESC von 1967 im Rummelplatzsound ist bis heute der erfolgreichste Song der Wettbewerbsgeschichte in den deutschen und österreichischen Charts und gleichzeitig natürlich textlich mit der Beschreibung des selbsterklärten "Hampelfräuleins" (so die schicke Übersetzung des österreichischen Kommentators) in den Händen des Geliebten ein feministischer Albtraum. Zur Freude aller Ornithologen veröffentlichte Sandie Shaw auch noch eine deutsche Version des Liedes mit dem schönen Titel "Wiedehopf im Mai".




6. Udo Jürgens: Warum nur, warum?

Da ein Feuer das einzig bestehende Band zerstörte, gibt es vom Eurovision Song Contest 1964 keine Videoaufnahmen. Doch auch nur mit Standbildern illustriert bleibt Udo Jürgens herrlich schwelgerischer Chanson überwältigend bezaubernd. Nach diesem Auftritt sollte Udo Jürgens auch in den nächsten beiden Jahren zum Wettbewerb zurückkehren und schließlich mit einem Dankeschönlied an die Geliebte triumphieren. Sehr schick ist auch die englische Coverversion des britischen Sinatra Matt Munro mit dem Titel Walk Away.




Dienstag, 10. Mai 2016

Eurovision Song Contest 2016: Tippzettel für die Semifinals feat. Eurovision's Greatest Hits

Wir sind die Helden dieser Zeit (selbst wenn wir mit den Dämonen in unserem Hirn tanzen): Die Eurovisionswoche ist angebrochen, ein Fanal für den europäischen Gedanken, für Völkerverständigung in dieser schweren Zeit und für sowohl begeisterndes als auch erschütternd katastrophales Liedgut. Heute Abend steigt in Stockholm das erste Halbfinale, das im TV ab 21 Uhr gleich von zwei Hitsendern, nämlich Phoenix und EinsFestival übertragen wird und von den Fernsehlosen hier live im Internet verfolgt werden kann. Natürlich bin ich Nerd genug um auch für das Halbfinale Tippzettel vorzubereiten, die die fellow nerds hier(1. Halbfinale) und hier (2. Halbfinale am Donnerstag) herunterladen können. Das Tippspiel fürs Finale und das ganz zurecht immer sehr beliebte Trinkspiel folgen natürlich auch noch rechtzeitig.

Auch der Mittwoch und der Freitag dieser Woche muss nicht von ESCugserscheinungen geprägt sein, denn adlerkuss wird an diesen beiden Tagen die Top 10 der besten Eurovision Songs der 1960er Jahre vorstellen.

Wie bereits im Vorjahr möchte ich euch hier noch einmal, weil es gar so schön war, die große ESC-Nostalgieshow aus dem letzten Jahr ans Eurovisionsherz legen. Mit herzerwärmendem Inbrunst singt und zelebriert hier zum Beispiel die im Publikum versammelte ESC-Gemeinde den legendären Gassenhauer "Fly on the Wings of Love" von den dänischen Olsen Brothers und das Song-Contest-Medley von Mr. Eurovision Johnny Logan. Außerdem unter anderem noch dabei: die aktuelle Siegerin Conchita, die euphorische Loreen, die ein bisschen friedliche Nicole und die hart rockenden Lordi, hallelujah! Wunderbare 90 Minuten also, um beispielsweise am wohl verregneten Samstag die Wartezeit aufs große Finale aus Stockholm zu verkürzen.




Dienstag, 3. Mai 2016

Burn the Witch: Radiohead veröffentlichen erstes Musikvideo zum neuen Album

There there! Nachdem die Band am 1. Mai alle Posts auf all ihren sozialen Netzwerken entfernt hatte und die offizielle Webseite nur mehr eine leere weiße Seite geworden war, stieg die nervöse Erwartungshaltung und die Hoffnung, dass da demnächst etwas neues kommen möge bei Radioheadanhängern weltweit ins Unermessliche. Vor wenigen Stunden war es nun endlich so weit: "Burn the Witch", der erste Song aus dem noch unbetitelten neunten Album von Radiohead kommt samt schickem Stop-Motion-Video daher und wird dominiert von sehr intensiven Streichern (die an Johnny Greenwoods Soundtrack-Arbeiten erinnern). Ein beeindruckender Vorgeschmack aufs neue Album mit einem atemberaubenden Finale. Zu sehen gibt's das Video hier und kaufen kann man den Song hier.


Mittwoch, 27. April 2016

Portishead covern ABBAs SOS: Jetzt anhören!

Es wirkt so, als seien gerade ABBA-Cover-Wochen, aber anders als die eher uninspirierte Variante von "Knowing Me, Knowing You", die uns HIM-Frontmann Ville Valo neulich trällerte, ist das hier einfach fantastisch:

Die Trip-Hop-Elektro-Avantgarde-Könige von Portishead haben für den Film "High-Rise" (nicht aber für dessen Soundtrack) ABBAS Song SOS aufgenommen und dabei den Sound sowohl ihrem eigenen Klangkosmos als auch Björn Ulvaeus' ja (wie so oft bei ABBA) immer schon sehr düsteren Text anzupassen verstanden. Dies ist Portishead' erster Song seit der Amnesty-International-Charity-Single "Chase the Tear" anno 2009 und die Magie ist spätestens dann wieder da, wenn nach wenigen Sekunden  über Keyboardsound und Snare Beth Gibbons durchdringende, Gänsehaut auf der Seele bereitende Stimme erklingt. Zum Frösteln schön.

Freitag, 25. März 2016

Manche mögen's heiß - auch am Karfreitag.

Im Januar dieses Jahres hatte die Piratenpartei (ja, die gibt's noch) auf deren Webseite eine Liste von über 700 (!) Filmen veröffentlicht, die die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) seit 1980 von einer öffentlichen Aufführung an stillen Feiertagen wie dem heutigen Karfreitag ausgeschlossen hat, und das mit der schönen Begründung, dass sie "dem Charakter dieser Feiertage so sehr widersprechen, dass eine Verletzung des religiösen und sittlichen Empfindens zu befürchten ist".

Abgesehen davon, dass es von regulärem Jugendschutz abgesehen auch bei potenziell geschmacklosen Machwerken wie "Großangriff der Zombies" und "Jungfrau unter Kannibalen" jedem selbst überlassen sein sollte, wann und wo diese Filme geschaut werden, enthält die Liste auch unzählig viele an Harmlosigkeit nicht mehr zu überbietende Komödien und Klassiker, sodass man bei Betrachtung vor lauter Kopfschütteln kaum noch dazu kommt, sich vor zu nehmen, diese tollen Filme bei nächster Gelegenheit (der heutige Karfreitag bietet sich an!) wieder einmal zu schauen. Unter anderem das religiöse und sittliche Empfinden verletzen könnten laut der Liste zum Beispiel der Klassiker "Die Feurzangenbowle" mit Heinz Rühmann, Disneys Meisterwerk "Mary Poppins" (gibt's bei Netflix) und auch die wohl beste amerikanische Komödie aller Zeiten: Billy Wilders "Manche mögen's heiß" mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe. Und diesen aberwitzigen Spaß schauen wir uns jetzt gleich mal an! Viele Grüße an die weltfremde FSK.


Freitag, 18. März 2016

I love my friends, they're all so arty: Das Frankfurter Städel bietet einen kostenlosen Onlinekurs über "Moderne" Kunst!

Das renommierte Frankfurter Museum Städel wartet mit einem ganz besonderen Schmankerl für Kunstinteressierte und solche, die es noch werden wollen, auf: In einem umfangreichen Onlinekurs bringt uns das Museum anhand von 250 Werken aus dem eigenen Bestand die Kunstgeschichte von 1750 bis heute näher - und zwar kostenlos und zeitlich flexibel immer dann wenn wir Lust haben.

Dabei werden nicht die Werke einfach chronologisch nacheinander abgearbeitet, sondern vielmehr handelt es sich um fünf aufeinander aufbauende Module, beginnend mit einer kleinen Schule des Sehens im ersten Modul (mit dem ich mich aktuell ganz begeistert beschäftige) über Stile, Strömungen und Epochen im dritten Teil bis hin zum abschließenden fünften Modul, das sich dann mit den Aufgaben eines Museums beschäftigt.

In allen Abschnitten kombiniert der sehr schick gestaltete und insgesamt auf ca. 40 Stunden angelegte Kurs umfangreiches Filmmaterial (mit dem trotz seiner ungeheuren Blasiertheit doch stets sympathischen Schauspieler Sebastian Blomberg und Fiep-Pieps-Musik von Boys Noize), in der Länge gerade richtige Infotexte und interaktive Aufgaben. Zudem bieten sich an allen Stellen noch Möglichkeiten, tiefer in die jeweilige Materie einzusteigen und mehr über Künstler, Epochen, Wechselwirkungen und so weiter zu erfahren. Kurzum, ein wunderbares Weiterbildungsangebot mehr für Einsteiger als für Experten und ein schöner Gegenpol zur allgegenwärtigen Minimalinformation aus Buzzfeed-Listen und "Everything you need to know about everything in 2 minutes"-Videos, die unsere sozialen Medien mit sich bringen.

Hier der Trailer zum Projekt:



Und nochmal der Link direkt zum Kurs. Viel Vergnügen, ihr Bildungsbürger (in spe)!

Sonntag, 28. Februar 2016

Oscars 2016: Tippspiel, Trinkspiel und ein nominierter Kurzfilm im Stream!

In wenigen Stunden werden die Größen Hollywoods auf dem roten Teppich flanieren um ihre Plätze für die 88. Oscarverleihung einzunehmen, während Scott Orlin hektisch winkt und wir uns fragen, ob Annemarie Carpendale hier ähnlich fremdschamig agieren wird wie Steven Gätjen dies bisher immer zu tun pflegte. Dieses Jahr liefert adlerkuss mal wieder mit den hier herunterladbaren Tippspiel und Trinkspiel die adäquaten Hilfsmittel, um Geist und Leber bei einer gar festlichen Filmnerdparty unter Freunden in der Nacht auf Montag angemessen zu stimulieren. Viel Vergnügen bei Hollywood's Biggest Night!

Als Bonus gibt es hier noch den sehr schönen, überaus berührenden und dieses Jahr bei den Oscars nominierten, animierten Kurzfilm "We Can't Live Without Cosmos":


The Screening Room - “We Can’t Live Without... von newyorker

Dienstag, 16. Februar 2016

Und das Smartphone ist Zeuge: Unbedingter Dokutipp #My Escape - Meine Flucht

Bilder, die für sich sprechen: Der vom WDR produzierte Dokumentarfilm "#My Escape - Meine Flucht" ist eine Montage aus von Flüchtlingen selbst noch in der Heimat und während der Flucht gedrehten Handy-Videos. Und der mit der Tatsache, dass hier von Flüchtlingen und nicht wie ja sonst nahezu pausenlos über Flüchtlinge berichtet wird, einhergehende Perspektivenwechsel sorgt für eine harte und ergreifende Unmittelbarkeit in der Darstellung des Lebens auf der Flucht. Den alltäglich die Medien dominierenden abstrakten Diskussionen um Zäune, Obergrenzen, Asylpaket 3, Plan A2 etc. stehen hier individuelle Geschichten und Gesichter gegenüber. Ein erschütterndes und wichtiges Dokument jenseits von Effekthascherei. Sollte man gesehen haben:

Mittwoch, 27. Januar 2016

Top 10 Alben 2015: Platz 5-1

Ohne further ado folgt hier nun endlich die musikalische Crème de la Crème des Vorjahres – Platz 5 bis 1 der meiner unbescheidenen Meinung nach besten Alben des Jahres 2015.

5. Oliver Gottwald: Zurück als Tourist (Februar 2015)

Oliver Gottwalds Debüt als Solokünstler ist enorm ohrwurmiger Indie-Pop mit cleveren Texten, erinnert damit natürlich an Anajo und das ist durchaus auch gut so. Mit der Unterstützung seiner neuen Band scheint der Sound jedoch gleichzeitig noch etwas konziser, dennoch variabler und damit womöglich erwachsener geworden zu sein. So wartet der Rezessionshit "Alles muss raus" mit Sixties-Harmoniegesang auf und "Alter Ego", das bei Indie-Disco-Abenden dieser Republik zahllose Studenten ins Schwitzen bringen sollte, glänzt mit maximoparkesker Zackigkeit und zwingt Gliedmaßen förmlich in Bewegung - ein Highlight des Albums. Als solches muss auch "Freunde fürs Leben" gelten, feinster Mittwippgitarrenpop mit doppelbödigem Text, denn düster und abgründig halten einen diese Freunde fürs Leben hier "umzäunt und umzingelt, fest umklammert".

Beste Songs: Freunde fürs Leben und Alter Ego




4. Muse: Drones (Juni 2015)

Ein Konzeptalbum über einen gehirngewaschenen und schließlich geläuterten Soldaten sowie den Drohnenkrieg an sich - darunter machen es Matthew Bellamy und Konsorten einfach nicht mehr. Textlich ist das so bierernst und überzogen, dass Pink Floyds "The Wall" vergleichsweise spielerisch daherkommt, jedoch sind die Songs von derart mitreißend epischer Größe, dass sich darüber größtenteils hinweg sehen lässt. Musikalisch auf den kleinsten Nenner gebracht könnte man "Drones" nach dem symphonischen "Resistance" und dem elektronischen "2nd Law" als Rückkehr zu Muse' rockigen Wurzeln bezeichnen. Auf Rockbrettern wie "Reapers" und "The Handler" gniedelt Bellamy begnadet wie lange nicht auf seiner Gitarre und "Defactors" hätte Brian May sicherlich gerne auch mit seinem Kumpel Freddie gespielt. Auf die Spitze getrieben werden Genie und Größenwahn mit dem Zehnminüter "The Globalist" der beginnend mit einem Morricone-Harmonika-Intro über ein Gitarrengewitter in einer schwelgerischen Pianoballade mündet.

Beste Songs: The Handler und The Globalist




3. Sufjan Stevens: Carrie & Lowell (März 2015)

Nach "The Age of Adz", seinem eklektizistischem Bombast-Epos voller Fiepen, Scheppern und Gefrickel von 2010 veröffentlichte Tausendsassa Sufjan Stevens noch rasch 58 Weihnachtssongs und ein Elektro-Hip-Hop-Album, bevor er im März 2015 mit dem intimen und reduzierten Sound von "Carrie & Lowell" zu überraschen und zu begeistern wusste. Nahezu ohne Percussion, größtenteils nur von akustischen Gitarren begleitet, erzählen Stevens sanft bis verhuscht vorgetragenen Songs von seinem Stiefvater Lowell, seiner depressiven, 2012 verstorenen Mutter Carrie und dabei trotz der ultrapersönlichen Thematik auch immer von universellen Aspekten von Vergangenheitsbewältigung, Trauer und Familie. 

Beste Songs: All of Me Wants All of You und I Should Have Known Better




2. Blur: The Magic Whip (April 2015)

Woohoo! 16 lange Jahre nach der Krautrockmagie von 13 legten Blur tatsächlich ein neues Album vor. Anno 2013 waren Damon Albarn, Graham Coxon, Alex James und Dave Rowntree wegen eines abgesagten Festivals für einige Tage in Hongkong gestrandet und nutzten die Gelegenheit dazu, im Studio ein wenig Musik zu machen. Coxon, der Monate später erneut an den Demos tüftelte und die Kollegen davon überzeugte, dass das ganze Potenzial hat, ist es zu verdanken, dass "The Magic Whip", dieser Spaziergang durch die Blurschen Klangwelten mit leicht asiatischem Einschlag in den Themen und manchen Sound,s tatsächlich veröffentlicht wurde. Ohne sich je selbst zu kopieren, gelingt Blur hier eine abwechslungsreiche und doch stimmige Rezeptur von Songs, die aus allen Phasen ihrer Bandgeschichte stammen könnten, verfeinert mit einer Prise Gorillaz, einer Messerspitze The Good, The Bad & The Queen und einem Schuss Damon Albarn solo. 

Beste Songs: Pyongyang und Lonesome Street



Lonesome Street von Blur auf tape.tv.




1. Chvrches: Every Open Eye (September 2015)

Mit ihrem Zweitwerk, einer konsequenten Weiterentwicklung des eigenen Klangs ohne sich dabei neu erfinden zu wollen, gelingt dem schottischen Elektro-Pop-Trio Chvrches ein atemberaubendes All-Killer-No-Filler-Album. Rauschhaft monumentale Synthie-Hymnen mit wilden Loops und explosiven Refrains, die von Sängerin Lauren Mayberrys glockenheller, mädchenhafter Stimme mitreißend vorgetragen werden, dominieren den Sound von "Every Open Eye". Aufgrund der Dominanz der großen Ohrwürmer wie der Trennungshymne "Leave a Trace" oder dem Von-0-auf-100-Opener "Never Ending Circles" übersieht man zunächst leicht, dass Chvrches auch die etwas leiseren Töne durchaus beherrschen, wie im nachdenklichen, leicht autotune-infizierten "Downside of Me", dem von Keyboarder Martin Doherty verhuscht vorgetragenen "High Enough to Carry You Over" und der sphärischen Abschlussballade "Afterglow" zu hören ist. Der beste Song des Albums und der beste Song des Jahres ist jedoch das sich atemberaubend steigernde "Clearest Blue", dessen wummernde Beats und flirrende Synthies unerbittlich einem energiegeladenen, furiosen Höhepunkt entgegen treiben, an dem eine zum albernen Herumhüpfen nahezu zwingende, furiose Keybordfigur an Depeche Modes "Just Can't Get Enough" erinnert. Adrenalin und Endorphin pur.

Beste Songs: Leave a Trace und Clearest Blue








Samstag, 23. Januar 2016

Top 10 Alben 2015: Platz 10-6

Obwohl auf dem Plattenteller noch ganz klar Ziggy Stardust zur Trauerarbeit beiträgt und Aladdin Sane aus den Kopfhörern schallt, präsentiert adlerkuss heute die besten Musikalben des Jahres 2015. Auch wenn wegen Spotify, Prime Music und Konsorten die Verkaufszahlen von Alben sowohl in physischer als auch in digitaler Form steil nach unten gehen (die Schallplatte als Craft Beer unter den Musikformaten ist hier mit 12 Millionen verkauften meist schwarzen Scheiben im Vorjahr allein in den USA - und damit 30% mehr als 2014 als es auch schon 50% mehr als 2013 waren -  ein herrlich sympathischer, dem Zeitgeist widersprechender Ausnahmefall) ist aus kreativer Sicht die Liedersammlung eines Künstlers im Albumformat nach wie vor prächtig lebendig.

10. Grimes: Art Angels (November 2015)

Claire Boucher, deren genresprengendes, visionäres "Visions" anno 2012 mit dem Song Genesis mit die perfektesten Pop-Minuten des Jahrzehnts enthalten hatte, bleibt auch auf dem neuen Album "Art Angels" unberechenbar vielseitig, hektisch, überkandidelt und mit einem ungeheuren Talent für Melodie und Beat.  Die absoluten Highlights der durchaus auch anstrengenden Platte sind "Belly of the Beat", ein Zaubermix aus Akustikgitarre, Drumcomputer und High-Pitch-Frauenchor und  "Venus Fly" mit der großartigen Janelle Monaé  der fantastischste Gwen-Stefani-Song, den Gwen Stefani nie gesungen hat.

Beste Songs: Belly of the Beat und Venus Fly



Grimes (feat. Janelle Monáe) - Venus Fly from konrad komrade on Vimeo.




9. Ryan Adams: 1989 (September 2015)

Alternative-Country-Folk-Rocker Ryan Adams (= nicht der von "Summer of ´69") überraschte 2015 zunächst mit der Ankündigung, Taylor Swifts Album 1989 in voller Länge zu covern und schließlich noch viel mehr damit, wie überaus gelungen dieses Album geworden ist.  Ryan Adams gießt die swiftsche Popperfektion abwechselnd in schmissigen Countryrock (der hin und wieder auch an Springsteens E-Street-Band erinnert) sowie hauchzarte akustische Balladen und hat spürbar Spaß dabei. 

Beste Songs: Welcome to New York und Blank Space




8. FFS: FFS (Juni 2015)

Franz Ferdinand und Sparks bilden als FFS eine gut gelaunte, wie für einander geschaffene Supergroup, die in den besten Momenten ihres Albums die theatralische Exaltiertheit der amerikanischen Art-Pop-Veteranen mit dem zackig-groovigen Indierock der Schampus-mit-Lachsfisch-Genießer aus Glasgow zu unverschämt eingängigen Songs zu kombinieren weiß. Ron Maels Falsett und Alex Kapranos baritoneske Stimme harmonieren bestens und auch die augenzwinkernden Texte sind äußerst unterhaltsam, sodass FFS durchaus mehr als "borderline attractive from afar" ist, wie es in einer Zeile des Openers "Johnny Delusional" heißt.

Beste Songs: Collaborations Don't Work und Johnny Delusional



FFS - Johnny Delusional from AB/CD/CD on Vimeo.


7. Belle and Sebastian: Girls in Peacetime Want to Dance (Januar 2015)

"Be popular, play pop and you will win my love" rät die "Everlasting Muse" im gleichnamigen Song auf dem neunten Studioalbum der schottischen Indie-Pop-Heroen von Belle and Sebastian und man kann dieser Zeile durchaus eine gewisse Programmatik des Albums entnehmen. Unerschrocken erweitern Stuart Murdoch und seine Mitstreiter den Sound der Band um an die Pet Shop Boys ("Enter Sylvia Plath") und leider auch ein bisschen an eine Kollaboration mit den Flippers ("Play For Today") erinnernden Euro-Dance-Pop. Ungeachtet der etwas holprigen, stilistischen Vielfalt des Albums schütteln die Schotten natürlich nach wie vor herrliche Popperlen aus den Ärmeln, allen voran den Mitwipphit "Nobody's Empire" und den bassigen Groove von "The Everlasting Muse" mit seinem herrlichen Walzer im Refrain.

Beste Songs: The Everlasting Muse und Nobody's Empire



Belle & Sebastian 'Nobody's Empire' from AR CP on Vimeo.


6. Tocotronic: Tocotronic (Das rote Album) (Mai 2015)

Auf ihrem elften Album widmen sich Tocotronic ganz direkt, unverblümt und unpolitisch den Zaubern der Liebe und der Jugend. Der gesanglich inzwischen tatsächlich recht starke Dirk von Lowtzow croont herrliche Texte im Spannungsverhältnis von Ironie und Kitsch, wie zum Beispiel: "Ich will keine Punkte sammeln, gib mir nur ein neues Leben. Ich will keine Treueherzen, kannst du mir Liebe geben?" Auch musikalisch geht es locker und flockig zu, von ferne grüßen die Smiths und die Stranglers und wir freuen uns über die wohl beste Tocotronic-Songkollektion seit dem ebenfalls selbstbetitelten, seinerzeit schneeweißen Album von 2002.

Beste Songs: Rebel Boy und Die Erwachsenen




Dienstag, 12. Januar 2016

Gone but not forgotten: 5 großartige Songs von David Bowie abseits der Greatest Hits

Der am 8. Januar 1947 als David Robert Jones (angeblich) in London geborene David Bowie, der ja eigentlich nie wirklich von dieser Welt war, ist am gestrigen Sonntag nur wenige Tage nach seinem 69. Geburtstag von uns gegangen. Zu Ehren eines der wohl größten, kreativsten und vielseitigsten Musikers aller Zeiten hier 5 großartige Songs von David Bowie, die allesamt nicht auf einer der zahlreich vorhandenen Greatest-Hits-Sammlungen vertreten sind.





Memory of a Free Festival (aus dem Album "David Bowie" von 1969)

Bowies lyrisch wunderbar verklärte Erinnerung an ein Musikfestival aus dem Sommer 1969 atmet den Geist der Hippie-Ära. Musikalisch dominiert hier vor allem die leicht verstimmt wirkende Orgel, die die quasireligiöse Feierlichkeit des Textes ("It was God's land / It was ragged and naive / It was Heaven") nur noch unterstreicht. Nachdem der Song kurz psychedelische Auflösungserscheinungen zeigt, kulminiert er schließlich in einer euphorisierenden, hymnisch-episch-mantrahaften Coda: "Sun Machine is coming down and we're gonna have a party". Überwältigend abgefahren.



Always Crashing In the Same Car (aus dem Album "Low" von 1977)

Basierend auf der Geschichte, dass Bowie wohl das Auto eines Dealers, der ihn womöglich übers Ohr gehauen hat, mit dem eigenen Auto wieder und wieder rammte, raunt und flüstert der Meister auf dem "rockigsten" Songtrip des Albums cool und sexy und fatalistisch wie selten darüber, dass man immer wieder dieselben Fehler macht. Der wahre Star ist hier jedoch die instrumentale Begleitung: Gitarre und Synthie wabern und grooven und steigern sich bis zu einem fantastisch zeitlosen Gitarrensolo.



After All (aus dem Album "The Man Who Sold The World" von 1970)

Der faszinierende und ziemlich verstörende Gothic-Walzer After All" thematisiert im Text Ideen von Nietzsche und Aleister Crowley, weist ein surreal alptraumhaftes Zirkuszwischenspiel auf und nimmt nebenbei das Dark-Wave-Genre à la Siouxsie and the Banshees oder The Cure vorweg.



Quicksand (aus dem Album "Hunky Dory" von 1971)

Der Text der verträumten Akustikballade mit rockenden Ansätzen ist so metaphysisch abgehoben, dass man sich am besten gleich auf die wunderbare Melodie und die mit Streichern verfeinerte Instrumentierung konzentriert.  Herrlich ist dann auch Bowie's Emphase während des von schwelgerischen Streichern und Klavierklimpern umspielten fatalistischen Refrains: "Don't believe in yourself / Don't deceive with belief / Knowledge comes with death's release".



Lazarus (aus dem Album "Blackstar" von 2016)

Ähnlich wie "Hurt" bei Johnny Cash (oder, wieso auch nicht, "Out of the Dark" bei Falco) wird die Vorabsingle zu David Bowies letztem Album, das erst am Freitag veröffentlicht worden war, für alle Zeit als sein Schwanengesang im Angesicht des Todes rezipiert werden - und bei einer ersten Zeile wie "Look Up Here, I'm in Heaven" kann man durchaus davon ausgehen, dass das auch so intendiert ist . Und wahrlich ist der  mit bedrohlich dröhnenden Hörnern instrumentierte, düstere Jazzrock-Song ein absolutes Highlight in Bowies Spätwerk. Wunderschön und sicher nicht nur heute aber auch sehr die Kehle zuschnürend.



David, oh you pretty thing - check ignition and may God's love be with you.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Top 10 Lieder 2015: Platz 5-1

Kommen wir nun zu adlerkuss' Privathitparadenstürmern und absoluten Gehörgangsschmeichlern aus dem Vorjahr. Hier sind die besten 5 Songs 2015 (die nicht auf einem der 10 besten Alben 2015 erschienen sind)!

5. Dawes: All Your Favorite Bands

Der kalifornischen Folkrockband Dawes gelang mit dem Titeltrack ihres vierten Albums die wohl schönste Lagerfeuerballade des Jahres. Untermalt mit einem an Loudon Wainwright's "One Man Guy" erinnernden bittersüßen Sound enthät der Songtext einen der hezerwämendsten guten Wünsche, die man einem geliebten Menschen als Musikfreund bei der Trennung auf den Weg geben kann: "May all you favorite bands stay together".




4. ItaLove: Too Late to Cry

"Too Late to Cry" ist herrlich exaltierter Synthiepop aus Schweden mit leichten Italo-Disco-Anleihen, der klingt als ob ihn die frühen Depeche Mode oder eher deren deutsche Variante Camouflage in einem römischen Gay-Club mit Al Bano und Romina Power geschrieben hätten. Nach dem Ende des Songs könnte es dem geneigten Hörer bis zur Betätigung des Replay-Buttons womöglich ähnlich gehen wie auch dem Sprecher im Refrain des Liedes: "The Music has stopped but I want to dance!"




3. Fauve: Les Hautes Lumières

Das schönste Liebeslied des Jahres kommt aus Frankreich. Im selbst wenn man kein Wort verstehen sollte durch seine mit Streichern verfeinerte unwiderstehliche Melodie im Refrain ergreifenden "Les Hautes Lumières" erzählt das Sprechgesang-Kollektiv Fauve aus Paris rhythmisch brillant und in poetischen Bildern  von der Kraft der Liebe. Dem Titel entsprechend ein definitives "Highlight" des Musikjahres.


FAUVE ≠ LES HAUTES LUMIÈRES von tumblrbook


2. Radiohead: Spectre

Radiohead waren anno 2014 tatsächlich gebeten worden, den Titelsong für James Bonds neuestes Filmabenteuer zu schreiben. Wie wir wissen, ist daraus nichts geworden, als Weihnachtsgeschenk postete die Band das überaus gelungene Ergebnis der Bemühungen jedoch vor knapp zwei Wochen auf Soundcloud. Radioheads Spectre erinnert mit seinem vertrackt verschleppten Rhythmus an ihren "Pyramid Song" vom Album Kid A aus dem Jahr 2000 und bietet zusätzlich Thom Yorkes warmes Falsett, Gänsehaut fördernde Streicher und auch die nahezu essentielle Bondsongzutat des Bläsersatzes.



1. Isolation Berlin: Isolation Berlin

Der beste Song des Jahres, der nicht auf einem der besten zehn Alben des Jahres erschienen war, ist Isolation Berlin von der gleichnamigen Band, deren Debütalbum für den 19. Februar angekündigt ist. Das Quartett um Sänger Tobias Bamborschke, dessen Stimme und Duktus mal an den großen Rio Reiser, mal an Andreas Spechtl von Ja, Panik erinnern, porträtiert die Einsamkeit in der Großstadt als intensiv kühle und doch pathetisch leidenschaftliche, den Hörer bei der Gurgel packende Ballade (durchaus vergleichbar mit Ja, Paniks Opus Magnum DMD KIU LIDT), die zum Ende hin in herrlichem Schönlärm mit Feedbackinferno à la Sonic Youth kulminiert.






Dienstag, 5. Januar 2016

Top 10 Lieder 2015: Platz 10-6

So, 2015 hätten wir auch wieder rum. Höchste Zeit für einen Rückblick auf die Dinge des Jahres, die wirklich wichtig waren: Songs und Filme. Sowohl die musikalischen als auch die cineastischen Highlights des zurückliegenden Jahres werden hier bei adlerkuss heute und in den nächsten Tagen nochmal in ungeheuer subjektiven Top-10-Listen vorgestellt . Los geht es mit den besten Liedern des Vorjahrs, ausgewählt sind die Songs jedoch wieder mit dem Vorbehalt, keine Lieder zu verwenden, die auf einem der meiner bescheidenen Meinung nach zehn besten Alben des Jahres zu finden sind. Mithilfe dieser nerdigen Spielregel ist es deutlich leichter, versteckte Perlen und Einzelveröffentlichungen zu ihrer wohlverdienten Erwähnung kommen zu lassen. Hier nun also Platz 10-6 der besten Songs des Jahres, die nicht gleichzeitig auf einem der zehn besten Alben des Jahres 2015 enthalten sind:

10.  Miley Cyrus – Karen Don't Be Sad

Abrissbirnensitzerin Miley hat im Herbst an ihrer Plattenfirma vorbei zusammen mit den Flaming Lips und anderen Gästen das überlange Album "& Her Dead Petz" auf Soundcloud veröffentlicht. Ebenso wie Frau Cyrus überhaupt oszilliert auch die epische 23-Track-Liedersammlung zwischen sympathischer Ich-mach-was-ich-will-Attitüde und anstrengendem Was-bin-ich-nicht provokativ-Gepose. Zwischen seltsamen Experimenten und unausgegorenen Songskizzen verbergen sich jedoch einige Songperlen, allen voran Miley's pychedelisch trippige Hey-Jude-Variante "Karen Don't Be Sad", die herzergeifend hymnisch und versponnen zugleich an das wohl beste Flaming-Lips-Lied "Do You Realize?" erinnert.



Hier die Studioversion.


9. Rose McGowan - RM 486

RM 486 beginnt als düsteres Pianogeflüster, fast so als würde Kylie Minogue den Soundtrack zu Twin Peaks singen, steigert sich jedoch sukzessive zu einem gar tanzbaren Elektropophauch. Einen feinen Sound hat Schaupielerin und Charmed-Hexe Rose McGowan da gezaubert...




8. Rihanna, Kanye West & Paul McCartney - FourFiveSeconds

Einen reduzierten, nahezu akustischen Folk-Pop-Song wie diesen hatte man von einer Kollaboration von Yeezus und dem Only Girl in the World sicher nicht erwartet und doch darf Rihanna hier stimmlich auf der Höhe wie selten gänzlich unverzerrt glänzen, Ye steuert etwas ungelenk ein paar nicht gerappte, sondern gesungene Zeilen bei und kein geringerer als Sir Paul persönlich zupft im Hintergrund die Gitarre. Einfach und einfach gut - das macht sogar für mehr als vier oder fünf Sekunden gute Laune.




7. Seiler & Speer: Ham kummst

Der trotz Wanda und Bilderbuch schönste österreichische Popsong des Jahres stammt von Seiler & Speer, denen im modernen Soul-Pop-Gewand eine augenzwinkernde, an den EAV-Klassiker "Morgen" erinnernde Ballade über einen Säufer mit gelinde gesagt unzufriedener Ehefrau gelingt. Urleiwand!




6. Carly Rae Jepsen: Running Away With Me

Die poptastischste Nummer des Jahres stammt von Carly Rae Jepsen. Mit 80s-Groove, einem irren Dudelsack-Horn-Trumpeten-Intro bzw. -Loop und einem insgesamten Sound zwischen M83 und Taylor Swifts 1989 stürmt CRJ aus Kanada sowohl Dancefloors als auch Herzen.



Die Plätze 5 bis 1 folgen dann morgen!