Sonntag, 24. Dezember 2017

adlerkuss im Advent: adlerkuss' liebste Weihnachtsmusi (22)

Gerade noch rechtzeitig zur Plätzchenessuntermalung am Nachmittag des Heiligen Abend hier noch einmal vier wunderbare Weihnachtsweisen bei adlerkuss.

Julia P. ist seit über 20 Jahren die Grand Dame der niederländischen Indie-Szene und veröffentlichte dieses Jahr mit "Christmas is Calling" eine glöckchenklingend schwingende Herzen erwärmende Weihnachtsnummer, die auch Weihnachthasser auf sehr pragmatische Art und Weise zu überzeugen versucht: "Look on the bright side / You get a few days off / an excuse to eat and drink as much as you like / just do what you want /  tradition's not a must / love the many gardens filled with lights". Ein kommender Klassiker!



Retro-Bariton Max Raabe und sein Palastorchester bieten auf ihrem Weihnachtsalbum durchgehend augenzwinkernd-nostalgischen Sound im Stil der 1920er Jahre. Besonders angetan hat es mir hier das doch sehr ungewöhnliche Arrangement des guten alten "Oh Tannenbaum" im Stile einer Mariachi-Band. "Wie grün sind deine Blätter, Donnerwetter!" Frohe Weihnacht, olé!




Selbst wenn der Wham!sche Evergreen dem einen oder anderen Musikfreund schon seit vielen vielen Weihnachtsfesten aus dem rotbemützten Halse hängt: Aus lieb gewordener Tradition führt auch in diesem Jahr bei adlerkuss liebster Weihnachtsmusi kein Weg an George Michaels ewiger Reminiszenz an die Liebschaft der vergangenen Weihnacht vorbei (selbst wenn es zunehmend schwer fällt, wirklich gute Versionen zu finden) . Denn auch ganze 34 Jahre nach Erstveröffentlichung bleibt "Last Christmas" mit seiner titelgebenden Zeitlosigkeit, seinem hohen lyrischen Identifikationspotenzial, seinem gnadenlosen Uhrwurmfaktor und seiner rituellen Kultigkeit à la "Dinner For One" der beliebteste moderne Weihnachtssong überhaupt. Natürlich ist der Klassiker von Wham! auch diesen Dezember mal wieder in den deutschen Charts eingestiegen und hat es dabei spielend in die Top 10 geschafft. Hier hören wir aber die sehr lässige und dennoch gefühlige Indierock-Version von Best Ex aus New Jersey:



Noch einmal eine ganz andere Kategorie von Klassiker ist jedoch natürlich "Stille Nacht, heilige Nacht" von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr, das am Heiligabend 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführt wurde. "Stille Nacht" gilt als das bekannteste Weihnachtslied überhaupt und wurde im Laufe der letzten fast 200 Jahren nicht nur von üblichen Verdächtigen wie u.a. Elvis PresleyBing Crosby, den Roten Rosen oder John Denver mit den Muppets gesungen, sondern auch und vor allem von Millionen unterm Weihnachtsbaum versammelten Familien auf der ganzen Welt. Beschließen möchte ich adlerkuss' liebste Weihnachtsmusi mit "Silent Night" in einer wundervoll groovenden, instrumentalen James-Last-in-cool Easy-Listening-Variante von The Limiñanas mit Pascal Comelade aus Frankreich. Ein frohes Fest allerseits!



Freitag, 22. Dezember 2017

adlerkuss im Advent: adlerkuss' liebste Weihnachtsmusi (21)

Vom Arbeitsstressgrinch aufgehalten, aber nicht besiegt, bringt euch adlerkuss auch im achten Jahr im Folge einen bunten Strauß weihnachtlicher Melodien. Schließlich will ich mir nicht irgendwann vom Geist der vergangenen Weihnacht vorführen lassen, was für alberne Dinge (wie zum Beispiel schlafen, essen, arbeiten) ich getan habe, wenn ich eigentlich den 21. Teil von adlerkuss' liebster Weihnachtsmusi hätte posten sollen.





Der erste Beitrag in diesem Jahr erinnert an das zeitlose "Fairytale of New York" von den Pogues und Kirsty MacColl, was ja schon mal keine schlechte Referenz ist. Die neue Band mit dem wunderbaren Namen Prosecco Socialist besteht aus dem Ex-Beautiful-South-Gitarrist David Rotheray und seinem alten Spezl, der späte-Johnny-Cash-Reibeisenstimme Mike Greaves sowie Eleanor McEvoy und bietet als erste Single eine Working-Class-Hero-Antwort auf John Lennons ewige Frage "And so this is Christmas and what have you done?". Hauptsächlich waren da nämlich einige Drinks und die zarte Möglichkeit einer reifen Romanze. Ganz wunderbar.




In den gar nicht mal so unschuldigen 50er Jahren informierte Jimmy Butler auf ungeheuer groovende Art und Weise seine Herzdame: "Baby I wanna trim your tree." Und nur um das sexuelle Innuendo mit Zeilen, die mich auch 63 Jahre später noch erröten lassen, auf die Spitze zu treiben, setzt naughty Jimmy noch einen drauf:  "I'll bring along my hatchet/ My beautiful Christmas balls/ I'll sprinkle my snow up on your tree/ And hang my mistletoe on your wall". Ein herrlicher Song.




Die britische New-Wave-Band XTC war immer mehr Kritiker- als Publikumsliebling, wobei jeder der "Making Plans for Nigel" einmal gehört hat, sich eigentlich sofort in den Song verlieben müsste. 1983 veröffentlichte die Band unter dem passenden Pseudonym "Three Wise Men" ihre Weihnachtssingle "Thanks For Christmas", die aus irgendeinem Grund in englischen Kaufhäusern bis heute zum Standardgedudel im Dezember gehört, ansonsten aber eher obskur geblieben ist. Dabei bietet der Song einen wundervollen New-Wave-Twist zum glöckenseligen Durchschnitts-Weihnachtssong und einen sehr eingängigen Refrain, den man zugegebenermaßen ungefähr nach der Hälfte des Songs liebt oder hasst. Und jetzt alle: Thaaaaanks for Chriiiistmas.....




Das Ballett "Der Nussknacker" von Pjotr Iljitsch Tschaikowski spielt am Weihnachtsabend und wird für gewöhnlich auch vornehmlich in der Weihnachtszeit aufgeführt - aus diesem Grund findet sich die ultimativ rockende Cover Version des Marsches der Zinnsoldaten von B. Bumble & The Stingers (!) aus dem Jahr 1962 auch ganz zurecht bei adlerkuss liebster Weihnachtsmusi. Da schwingt das weihnachtliche Tanzbein!





Sonntag, 22. Oktober 2017

The National live in der Elbphilharmonie Hamburg: Großartiges Konzert in voller Länge!

Die majestätischen Meister der hymnischen Melancholie von The National haben am gestrigen Abend im Großen Saal der Ebphilharmonie Hamburg gespielt. Für alle, die ebenso wie ich bei der Ticketverlosung nicht das Glück hatten, teure Eintrittskarten erwerben zu dürfen, wurde das Konzert auf der Webseite der Elphi sowie auf Facebook live gestreamt und ist nun auch (zumindest für den Moment) bei Youtube verfügbar. Die Setlist enthält Glanzstücke aller sieben Studioalben der Band, wobei ganze 11 Songs vom letzten Monat erschienenen neuen Werk "Sleep Well Beast" zu hören sind. Durch sparsame Beleuchtung, hervorragenden Sound und ein andächtig lauschendes Publikum entsteht in diesem riesigen Saal mit mittiger Bühne (Sänger Matt Berninger erwähnt, dass es "like the Jedi Council" sei - als Star-Wars-Nerd komme ich allerdings nicht umhin zu bemerken, dass er eigentlich den Galaktischen Senat meint) eine intensive, intime und in den rockigeren Passagen auch sehr energetische Atmosphäre. Ein wunderbares Konzertvergnügen also. So öffnet eure Herzen und eine Flasche Rotwein, schiebt den Lautstärkeregler nach oben und betätigt die "Play"-Taste für zwei wunderbare Stunden mit "The National".



adlerkuss-Kollaborateur Dojos war beim National-Gig in Berlin wenige Tage später dabei und berichtet folgendermaßen:

"Nobody else will be There" heißt der Opener des Albums "Sleep Well Beast", mit dem sich "The National" in diesem Jahr zurückmeldeten. So hellsichtig der Songtitel auch ist, auf die beiden Konzerte der Band in Berlin ist er zunächst nicht anwendbar: Die Abende im Tempodrom sind bereits seit Monaten ausverkauft. Im Gepäck hat die Band ein Album, das nicht ganz an die Intensität von "High Violet" heranreicht und doch vielseitiger ist als das Meisterwerk, mit dem "The National" 2010 den Indie-Olymp erklommen.

Die Großteil der Songs an dem Abend kommt erwartungsgemäß auch von "Sleep Well Beast". Das Konzert beginnt mit "Born to Beg", einer eingängigen Ballade, die bei dem was noch kommt, aber eher als Fingerübung in Erinnerung bleibt. Erster Höhepunkt des Abends ist "Afraid of Everyone". Spätestens als der Sänger Matt Berninger "Your Voice has stolen my soul, soul, soul, soul" klagt, ist klar, dass seine Stimme hier gar nichts stehlen muss: Es gehört ihr längst schon alles. Das wird bei "I need my Girl" auf eine befremdliche Art deutlich: Als Lisa Hannigan die zweite Strophe singt, erschallen aus einigen Ecken Buh-Rufe.

Doch obwohl auch noch vier zusätzliche Begleitmusiker auf der Bühne stehen, sind die Lieder nicht überladen. Vor allem Midtempo Songs wie "Day i Die" oder "Don't Swallow the Cap" gewinnen durch die feine Orchestrierung an Substanz. Ihre Vergangenheit als schwermütig schrammelnde Clubband klammern "The National" dabei nicht aus. Bei "Mistaken for Strangers" wirkt das Tempodrom zwar plötzlich etwas überdimensioniert, aber es wird auch klar, welch beeindruckende Entwicklung die New Yorker Combo im letzten Jahrzehnt genommen hat.

Ob "High Violet" der Höhepunkt im bisherigen Schaffen der Band ist, darüber kann man streiten. Dass die Songs des Albums im Tempodrom als Highlights platziert werden, ist unstrittig. Spätestens ab "Bloodbuzz Ohio" singen Matt Berninger und das Publikum auf Augenhöhe. Dass der Sänger immer wieder darüber hinauswächst, zeigen "Mr. November" und "Terrible Love". Berninger irrlichtert jetzt zwischen zerbrechlicher Melancholie und trotzigem Furor durch den Saal. Das Publikum dankt es ihm schließlich mit einer A-Cappella-Version von "Vanderlyle Cry Baby Geeks". "Man it's all been forgiven / swans are a swimming" hallt es durch den Raum. Die Band ist jetzt nur noch stiller Dirigent. Und trotzdem: "Nobody else will be there".

Samstag, 13. Mai 2017

Eurovision Song Contest 2017: Das traditionelle Trinkspiel und der Stimmzettel für die Sofa-Jury

Heute Abend ist es wieder so weit, in Kiew findet der 62. Eurovision Song Contest  (früher im deutschen Sprachraum oftmals frankophiler als Grand Prix Eurovision de la Chanson bekannt) statt – eines der größten Showspektakel der Welt, das alljährlich höchst interessante Einblicke in die Befindlichkeiten und Geschmäcker unseres vielfältigen Kontinents bietet. In diesem Jahr gibt es unter anderem einen Kroaten im Duett mit sich selbst, einen leise hauchenden Portugiesen und eine rumänische Jodlerin zu bestaunen.

Auch dieses Jahr bietet adlerkuss natürlich wieder über Mediafire zum direkten Download sowohl eine Wertungstafel für die Stimmabgabe der heimischen Sofa-Jury als auch das beliebte , feuchtfröhliche adlerkuss-ESC-Trinkspiel fürs heimische Sofa. 6378 Trunkenbolde, die das Trinkspiel in den letzten sechs Jahren bereits runtergeladen haben, können ja nicht irren!

Und für die Wartezeit bis es endlich losgeht eignet sich natürlich die urkomische Eurosong-Episode der irischen Sitcom Father Ted.

Zur Einstimmung hier noch der legendäre Hape Kerkeling anno 1987 mit seinem hochgradig albernen, aber durchaus amüsanten Eurovision-Sketch:


Freitag, 12. Mai 2017

Top 10 der besten Lieder beim Eurovision Song Contest: Die 70er Jahre (Platz 5-1)

5. Séverine: Un banc, une arbre, une rue

1971 in Dublin holte die Französin Séverine den Sieg mit einem grandiosen Chanson, einem sehr emotionalen Vortrag und sehr glitzernden Unterarmen. Das Lied beschäftigt sich mit der unvermeidlichen Vergänglichkeit der Kindheit und erwähnt die titelgebenden Orte Bank, Baum und Straße als Beispiele für Plätze, die einen unweigerlich in die eigene Kindheit zurück versetzen. Séverine hatte später auch noch regelmäßig mit deutschsprachigen Gassenhauern Erfolge, so unter anderem mit dem Gedanken, den Eurovision-Fans morgen Abend ebenfalls hegen werden: Jetzt geht die Party richtig los!




4. The Shadows: Let Me Be The One

Die bereits seit den 50er Jahren als Band von Cliff Richard agierenden Shadows hatten sich spätestens mit dem Überhit Apache 1960 auch als Instrumentalgruppe unsterblich gemacht. 1975 beim Eurovision Song Contest bewiesen die Herren, dass es auch mit Gesang klappen kann: "Let Me Be The One" könnte auch eine McCartney-Komposition sein und erinnert vor allem (aber nicht nur) im Arrangement des Hintergrundgesangs an den Sound der mittleren Beatles. Hervorragend und übercool auch, wie sich Sänger Bruce Welch nach nur wenigen Sekunden versingt, dies aber nicht überspielt, sondern mit dem deutlich hörbaren Kommentar  "I Knew It!" quittiert. Die ersten 45 Sekunden des Videos (wahnsinnig origineller Regieeinfall: Jeder Act des Abends musste sich selbst malen) kann man dafür getrost überspringen.




3. Dschinghis Khan: Dschinghis Khan

"Dschinghis Khan", komponiert und als Band erfunden von Ralph Siegel, vertrat Deutschland 1979 beim Eurovision Song Contest in Jerusalem. Die Tatsache, dass gerade der deutsche Beitrag ausgerechnet beim Wettbewerb in Israel die stimmungsvolle Textzeile "Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land und weder Blitz noch Donner hielt sie auf" enthielt, mutet für uns politisch korrekte Gemüter heutzutage allerdings etwas unglücklich an. Doch dank bunter Kostüme, einer schmuck choreografierten Performance und dem mitreißenden Beat des schmissigen Songs, der vom ersten "Hu! Ha! Hu! Ha!" an drei Minuten Vollgas gibt, holte "Dschinghis Khan" den respektablen vierten Platz beim ESC und belegte im Anschluss mehrere Wochen lang Platz 1 in der Hitparade. Und Verse wie "Lasst uns Wodka holen, denn wir sind Mongolen" oder "Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht, über seine Feinde hat er nur gelacht" sind und bleiben einfach unvergessliche poetische Perlen. Ha! Hu ha hu!




2. Katja Ebstein: Wunder gibt es immer wieder

Bei ihrem ersten von drei ESCs  trat Katja Ebstein 1970 mit dem optimistischen Songtitel "Wunder gibt es immer wieder" an und erreichte mit dem dritten Platz die bis dato beste deutsche Platzierung im Wettbewerb überhaupt. Komponiert hatte das Lied ihr damaliger Ehemann Christian Bruhn (dem die Welt unter anderem auch Roberto Blancos "Ein bisschen Spaß muss sein" und die Titelmelodie von "Wickie und die starken Männer verdankt). "Wunder gibt es immer wieder" paart jazzig angehauchte Orgelklänge mit wohl dosiertem Orchesterbombast sowie Ebsteins strahlend schöner Stimme und erinnert damit ein wenig an eine etwas bravere, aber sicher nicht schlechtere Variante von Janis Joplins "Piece of My Heart". Wenn zu dieser großartigen Stimme dann auch noch wunderbare Haare, ein hellblaues, gar sehr kurzes Minikleid und meterlange Beine bis zu den silbernen Stiefeln hinzukommen, lässt sich das Gesamtpaket kaum anders kommentieren als mit einem beherzten "Wunder gibt es immer wieder".




1. ABBA: Waterloo

Ganz und gar nicht originell ist meine Vergabe des ersten Platzes und 1973 traten vier Musiker unter dem ebenfalls nicht besonders originellen Namen Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid mit dem Song "Ring Ring" beim Melodifestivalen, der schwedischen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest, an und wurden Dritter. Beim zweiten, erfolgreicheren Versuch im Jahr darauf hieß der Song "Waterloo" und der Name der Gruppe war ABBA.

Das schwungvolle, ungeheuer eingängige Lied im Glam-Pop-Stil vergleicht sehr effektiv und dramatisch Weltgeschichte und das private Schicksal eines Beziehungsendes: "At Waterloo Napoleon did surrender and I have met my destiny in quite a similar way". Nicht nur der Song stach aus dem sonst zu diesem Zeitpunkt größtenteils immer noch recht braven Schlager-Chanson-Einerlei beim ESC heraus, auch ABBAs Bühnenkostüme setzten neue Maßstäbe. Björns sternenförmige Gitarre, die glitzernden Klamotten und die monströsen Plateaustiefel wurden zu popkulturellen Ikonen. Für die Band war dieser Sieg der Startschuss zu einer beispiellosen Weltkarriere und auch heute, nach 400 Millionen verkauften Tonträgern und knapp fünfunddreißig Jahre nach dem Ende von ABBA, kann jeder die Melodien ihrer großen Hits wie "Mamma Mia" oder "Dancing Queen" zumindest mitsummen. Doch begonnen hat für ABBA alles 1974 mit Startnummer 8 beim 19. Eurovision Song Contest in Brighton.

Der beste, schönste und legendärste Auftritt nicht nur in den 70er Jahren, sondern auch insgesamt in 61 Jahren Eurovision Song Contest:

Donnerstag, 11. Mai 2017

Top 10 der besten Lieder beim Eurovision Song Contest: Die 70er Jahre (Platz 10-6)

Im Vorjahr blickte adlerkuss auf die schwingenden 60er Jahre beim Eurovision Song Contest zurück, nun ist das nächste Jahrzehnt an der Reihe. In den bunten und schlaghosenlastigen 70er Jahren verabschiedete sich der Wettbewerb zunehmend vom klassischen Chanson und setzte größtenteils auf poppige Schlagerklänge. Nach Betrachtung aller zehn Wettbewerbe des Jahrzehnts in den letzten Wochen hier Platz 10 bis 6 der gnadenlos subjektiven Top 10 der besten Lieder beim Eurovision Song Contest in den 1970er Jahren.






10. Anne-Marie David: Tu te reconnaîtras

1973 in Luxemburg holte die Französin Anne-Marie David mit einer wunderbaren Chanson-Ballade, die heutzutage auch auf Adeles Schallplatten ihre Daseinsberechtigung hätte, bereits den vierten Sieg für das kleine Gastgeberland. Anne-Marie David hatte zuvor in der französischen Erstaufführung von Jesus Christ Superstar die Maria Magdalena gesungen und bewies auch hier mühelose Stimmgewalt, wenn sie begleitet vom herrlich arrangierten Orchester ankündigte, dass sich der geneigte Zuhörer in allen möglichen schönen und weniger schönen Dingen selbst wieder erkennen würde.





9. Pepe Lienhard Band: Swiss Lady

Der wohl beste Alphorn-und-Piccoloflöte-Song aller Zeiten brachte die Schweiz 1977 auf den 6. Platz beim ESC in London. Optisch und auch mit der musikalischen Eingängigkeit ihres Liedes erinnern Pepe Lienhard und seine Männer "aus den Bergen", wie es im Text heißt, an den krokodilrockenden frühen Elton John. Lienhard und Kollegen waren später auch noch über 30 Jahre lang die Begleitband von Udo Jürgens, einem anderen Song-Contest-Helden.





8. Carlos Mendes: A festa da vida

Der portugiesische Beitrag beim ESC 1972 in Edinburgh knackt nur ganz knapp die 2-Minuten-Marke, macht dabei jedoch seinem Titel "Das Fest des Lebens" alle Ehre. Zunächst täuscht das Lied noch eine dramatische Ballade an, verwandelt sich dann jedoch in einen groovenden Mittwipphit samt "pu du du pu pu pu pu pu" anstimmenden Backgroundsängerinnen. Der Text, in dem das Feiern einer Party am Ende einer schwierigen Zeit beschrieben wird, kann auch als hoffnungsvoller Blick in eine bessere Zukunft im Angesicht der seinerzeit immer noch andauernden Militärdiktatur verstanden werden - die Nelkenrevolution folgte zwei Jahre später.





7. Family Four: Härliga Sommardag

Im gleichen Jahr träumten die Schweden von Family Four nicht von einer Party, sondern sie berichten in ihrem Ohrwurm von einem herrlichen Sommertag, der laut Text bötchenfahrend in der Bucht verbracht werden soll. Dieser an sich vernünftige Plan kam bei den europäischen Jurys nicht so gut an, sodass am Ende Platz 13 feststand. Als Schweden zwei Jahre später erneut eine aus zwei Männern und zwei Frauen bestehende Band zum ESC schickte, sollte das ganze ungleich erfolgreicher werden....





6. Brotherhood of Man: Save Your Kisses for Me

Der meistverkaufte Single-Erfolg aller Eurovision-Hits ist jedoch nicht etwa das Lied aus Schweden, das den Namen einer belgischen Kleinstadt trägt, sondern der Siegertitel aus dem Jahr 1976: Brotherhood of Man besingen die rührende morgendliche Abschiedsszene einer geliebten Person gegenüber, die sich in der letzten Zeile als drei Jahre altes Kind herausstellt. Ebenso zuckersüß wie der Text sind hier auch vom ersten Ton des Glockenspiels an die eingängige Melodie im Easy-Listening-Sound und die entzückende Tanzchoreographie der Band.







Montag, 8. Mai 2017

Eurovision Song Contest 2017: Tippzettel für Semifinals feat. ESC-Diven-Medley

Wie ein Phoenix aus der Asche (jedoch ohne Gedanken an Rache oder Vergeltung) erhebt sich dieser Blog wieder einmal in der schönsten Zeit des Jahres: Die Eurovisionswoche ist angebrochen, ein Fanal für den europäischen Gedanken, für Völkerverständigung in dieser schweren Zeit und für sowohl begeisterndes als auch erschütternd katastrophales Liedgut. Morgen Abend steigt in Kiew das erste Halbfinale, das im TV ab 21 Uhr gleich vom Hitsender ONE (ehemals Hitsender EinsFestival) übertragen wird und von den Fernsehlosen hier live im Internet verfolgt werden kann. Natürlich bin ich Nerd genug um auch für das Halbfinale Tippzettel vorzubereiten, die die fellow nerds hier (1. Halbfinale) und hier (2. Halbfinale am Donnerstag) herunterladen können. Das Tippspiel fürs Finale und das ganz zurecht immer äußerst populäre Trinkspiel folgen natürlich auch noch rechtzeitig.

Auch der Mittwoch und der Freitag dieser Woche müssen nicht von ESCugserscheinungen geprägt sein, denn adlerkuss wird an diesen beiden Tagen die Top 10 der besten Eurovision Songs der schlaghosenlastigen Siebzigerjahre vorstellen. Als Vorbereitung dafür bieten sich natürlich auch noch meine Rückblicke auf die swingenden 1960er und die hüftsteifen 1950er beim europäischen Liederwettstreit an.

Zum Abschluss hier noch die definitiv beste Stelle der schrecklichen deutschen Vorentscheidungssendung im Februar: Die wild tanzende Ruslana, die bisschen friedliche Nicole und Phoenix Conchita präsentieren ein Medley ihrer jeweiligen Lieblingssiegerlieder - und was bei Ruslanas Version von "Euphoria" noch etwas holprig beginnt, wird spätestens bei Conchitas balladesken Vortrag von "Satellite" (in Lenas Anwesenheit) eine sehr feine Sache.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Top 10 Lieder 2016: Platz 5-1

Kommen wir nun zu adlerkuss' Privathitparadenstürmern und absoluten Gehörgangsschmeichlern aus dem Vorjahr. Hier sind die besten 5 Songs 2016 (die nicht auf einem der 10 besten Alben 2016 erschienen sind)!

5. Mitski: Your Best American Girl

Mitskis "Your Best American Girl" ist eine Art traurige "Teenage Dirtbag"-Neuauflage ohne Happy End und mit interkulturellen Disharmonien im Text, dessen gehauchter, fatalistisch-melancholischer Gesang doppelbödig die dickhosigen Weezer-Alt-Rock-Gitarren konterkariert. 




4. Richard Ashcroft: This Is How It Feels

Ein fast so überraschendes "Comeback" mit neuer Musik wie den Stone Roses gelang dieses Jahr auch einer der Speerspitzen der britischen Musik der Neunziger Jahre: Richard Ashcroft, die einstige Stimme von The Verve, deren bittersüße Sinfonie bis heute die Herzen der Generation Britpop höher schlagen lässt. Auf "This Is How It Feels" schwelgen nun auch wieder die Streicher (arrangiert vom selben Herrn wie seinerzeit) und Ashcrofts Hymne an das Gefühl der Ohnmacht im Angesicht enttäuschter Liebestrunkenheit lädt zum Schwenken der Arme und Öffnen der Herzen ein.




3. liv: Wings of Love

Lykke "I I follow, I follow you" Li hat gemeinsam mit Mitgliedern von Miike Snow und Björn von den young folks Peter, Bjorn und John das Projekt liv gegründet und gleich der erste, im September 2016 veröffentlichte Song ist von überwältigender Schönheit. Der Hippie-Indie-Pop-Track "Wings of Love" brilliert mit seinem schwebenden Rhythmus, leicht psychedelischem Einschlag und feinem Harmoniegesang. Von diesen Liebesflügeln lässt man sich gern in andere Sphären tragen.




2. Michael Kiwanuka: Cold Little Heart

Michael Kiwanukas zweites Album Love & Hate wird eröffnet vom atemberaubenden Meisterwerk "Cold Little Heart". Das Prog-Soul-Epos klingt wie Pink Floyd feat. Isaac Hayes ohne dabei je kopierend oder berechnend zu wirken. Nach fast sechsminütigem Intro nimmt der Song etwas an Tempo auf und zu einem schleppenden Soul-Rhythmus erwärmt Kiwanukas die Herzen indem er von seinem "Cold Little Heart" berichtet, sühnend Fehler aus der Vergangenheit aufführt und Hoffnung auf eine bessere Zukunft als fragil und trügerisch entlarvt: "Maybe this time I can be strong / But since I know who I am / I am probably wrong".



1. David Bowie: Lazarus

Ähnlich wie "Hurt" bei Johnny Cash (oder, wieso auch nicht, "Out of the Dark" bei Falco) wird die Vorabsingle zu David Bowies letztem Album, das erst wenige Tage vor seinem Tod veröffentlicht worden war, für alle Zeit als sein Schwanengesang im Angesicht des Todes rezipiert werden - und bei einer ersten Zeile wie dem zerbrechlich und fast ungläubig klingenden "Look Up Here, I'm in Heaven" kann man durchaus davon ausgehen, dass das auch so intendiert ist. Und wahrlich ist der zunächst fast noch an The XX erinnernde, später mit bedrohlich dröhnenden Hörnern instrumentierte, düstere Jazzrock-Song ein absolutes Highlight in Bowies Spätwerk. Wunderschön und gleichzeitig immer wieder die Kehle zuschnürend.




Montag, 23. Januar 2017

Top 10 Lieder 2016: Platz 10-6

So, das inzwischen auch schon ein Weilchen zurückliegende 2016 fand man gemeinhin dank erfolgreicher Populisten allerorten und fliegengleichem Prominentensterben als Jahr ja eher so medium. Höchste Zeit für einen Rückblick auf die schönen Dinge des Jahres: Songs und Filme. Sowohl die musikalischen als auch die cineastischen Highlights des zurückliegenden Jahres werden hier bei adlerkuss heute und in den nächsten Tagen (Wochen?) nochmal in ungeheuer subjektiven Top-10-Listen vorgestellt . Los geht es mit den besten Liedern des Vorjahrs, ausgewählt sind die Songs jedoch wieder mit dem Vorbehalt, keine Lieder zu verwenden, die auf einem der meiner bescheidenen Meinung nach zehn besten Alben des Jahres zu finden sind. Mithilfe dieser nerdigen Spielregel ist es deutlich leichter, versteckte Perlen und Einzelveröffentlichungen zu ihrer wohlverdienten Erwähnung kommen zu lassen. Hier nun also Platz 10-6 der besten Songs des Jahres, die nicht gleichzeitig auf einem der zehn besten Alben des Jahres 2016 enthalten sind:



10. The Stone Roses: Beautiful Thing

Die legendären Stone Roses lassen auf ihrem erst zweiten neuen Song nach 21 (!) Jahren Pause ihren klassischen Sound der Madchester-Ära aufleben. Es groovt und funkt bei Drums, Bass und John Squires Gitarrenhexerei, dazu Ian Browns lässig vorgetragene Vocals mit viel Hall. Das wird heutzutage keine neuen Hörerschichten mehr vom Hocker reißen, ist für Fans aber definitiv ein schönes Ding.



9. LVL UP: Pain

Ein wunderbares Liebeslied des Quartetts aus New York für eine Person, der in der Vergangenheit schlimmes angetan wurde und zugleich ein wunderbares Hasslied dem damaligen Übeltäter gegenüber. Sehr clever konstruiert weichen die Worte und die eingängige College-Indie-Rock-Melodie, die in der ebenso düsteren, wie letztlich kraftlosen Drohung “I hope you’re cold/ I hope you grow old/ And never find love” münden, zuletzt einem kraftvollen Gitarrengewitterlärm, der bloße Emotion ausdrückt.




8. dodie: Sick of Losing Soulmates

dodie ist ein britischer YouTube-Star, die dort schon seit vielen Jahren ungeheuer erfolgreich eigene Lieder und Coverversionen postet sowie wie Youtube-Stars es nun einmal tun ungeheuer viel vor sich hin plappert. Im November 2016 veröffentlichte dodie ihre erste EP und das Glanzstück ist die sparsam instrumentierte, herzzereißende  Ballade "Sick of Losing Soulmates": "I can finally see you're as fucked up as me so how do we win?". Hach.




7. Whitney: No Woman

So schön können Trennungsssongs sein: Die Folkballade der Band aus Chicago, die hier eher im Kalifornien in der Siebziger Jahre auf America's Ventura Highway unterwegs zu sein scheint, ist im besten Sinne nostalgische, wehmütige Sommer-Roadtrip-Musik mit gloriosen Trompeten und tiefen Gefühlen.





6. Oliver Gottwald: Mustangmann

Die Verwandlung des altbekannten Max Mustermann in den Mustangmann ist eine fröhlich-beschwingte Ode ans Ausprobieren neuer Dinge auf Kosten altbekannter Handlungsmuster und beweist einmal Gottwalds Talent und Sinn für den hintersinnigen Ohrwurm mit Tanzappeal. Nach der "Lieblingslieder"-EP, die im Frühjahr kommen soll unbedingt Ausschau halten!